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# 30 Wir erreichen das Schwarze Meer

  • Autorenbild: CamperFan
    CamperFan
  • 8. Aug. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Vom ungarischen Hidas aus ist es nicht mehr weit bis zur kroatischen Grenze, die im Nordosten des Landes auf einer Länge von gut 180 Kilometer von der Donau gebildet wird. Dieser Abschnitt ist unter anderem geprägt von den Jugoslawien-Kriegen Anfang der 90-er Jahre.


Roter Fiat "Fico" - Zeichen des Widerstand, Osijek
Roter Fiat "Fico" - Zeichen des Widerstand, Osijek

In Osijek besuchen wir ein bekanntes Kriegsmahnmal – zufälligerweise exakt am Jahrestag: Am 27. Juni 1991 wurde hier ein roter Fiat überrollt, der sich demonstrativ den in die Stadt einfahrenden Panzern in den Weg stellte. Diese Bilder gingen um die Welt, und der Bevölkerung wurde erstmals so richtig bewusst, dass jetzt der Krieg angefangen hat. Während unserer Weiterfahrt am südlichen Donauufer säumen zahlreiche Häuser mit Einschusslöchern den Weg.


Wasserturm von Vucovar
Wasserturm von Vucovar

Ein weiteres bekanntes Mahnmal befindet sich 40 Kilometer weiter in Vucovar. Schon von Weitem ist der riesige Wasserturm zu erkennen, der sage und schreibe 640 Einschusslöcher aufweist. In den letzten Jahren wurde er gesichert und als Mahnmal ausgebaut. Wie früher, wo sich oben sogar ein Panoramarestaurant befand, kann man auch heute wieder hochsteigen – oder mit dem Lift hochfahren. Während der Blick über die Donau und die vielen Schiffe schweift, wird einem unmissverständlich bewusst, was sich hier vor «wenigen» Jahren zugetragen hat. Vor der Grenze nach Serbien finden wir einen schönen Übernachtungsort in einem privaten Garten, wenige Meter vom der Donau entfernt. Der Platz ist zwar alles andere als ruhig: Im Dorf findet ein traditionelles Volksfest statt. Was bleibt uns anderes übrig, als uns hinzu zu gesellen? Eine deutschsprechende Einheimische erklärt uns, das Fest bestehe unter anderem aus einem Kochwettbewerb. Am Schluss des Tages werde bei einer gemeinsamen Verkostung ermittelt, welcher der über ein Dutzend Teilnehmer die beste Fischsuppe zubereitet hat. Die Suppe wird traditionsgemäss auf offenem Holzfeuer mit Rebholz oder Schwemmholz aus der Donau zubereitet.


Festung Golubac am Eingang zum Eisernen Tor
Festung Golubac am Eingang zum Eisernen Tor

Durch das Eiserne Tor

Mit dem Grenzübertritt erreichen wir unser nächstes Donau-Land. Da Serbien kein Mitglied der EU ist, müssen wir uns bei nächster Gelegenheit nach einer Prepaid-SIM-Karte umsehen. Eigentlich wollten wir dies in Novi Sad erledigen. Für die nächsten Tage sind aber Temperaturen von bis zu 40 Grad angesagt. Die Hitze der Budapest-Besichtigung bei 34 Grad sitzt uns noch in den Knochen, und so entscheiden wir, direkt nach Belgrad weiterzufahren. Am Stadtrand finden wir einen Telekom-Shop, welcher eine Tourist-SIM mit 200 GB Roamingdaten für 18 Euro anbietet. Top, die nehmen wir! Auf eine Stadtbesichtigung verzichten wir, da das Thermometer schon am späten Vormittag 36 Grad anzeigt. Schliesslich wartet etwas weiter östlich bereits der nächste Höhepunkt der Donau: Das Eiserne Tor. Majestätisch thront die terrassenförmige Festung Golubac am Eingang dieser einst gefährlichsten Schiffspassage der Donau. Aufgrund ihrer strategischen Lage in den schroffen Ausläufern der Karpaten stand die Burganlage stets im Mittelpunkt erbitterter Kämpfe und zahlreicher Machtwechsel - von den Osmanen bis zum Ungarischen Königsreich. Seit dem Kraftwerkbau und der «Entschärfung» dieser Donau-Passage im Jahr 1972 liegt ein Teil der Festung Golubac unter dem Wasserspiegel. Eine Besichtigung der eindrücklichen Anlage lohnt sich auf jeden Fall.


Eisernes Tor
Eisernes Tor

Vor der Durchquerung des Eisernen Tors muss man sich für die Rumänische oder Serbische Seite entscheiden, wir bleiben auf der serbischen. Die Strasse schlängelt sich durch Felsen und Tunnels, wobei unser Blick immer wieder hinunter auf die Donau schweift. Irgendwie erinnert uns die Landschaft an die norwegischen Fjorde.


Decebalus
Decebalus

Am gegenüberliegenden Ufer sind das Monastery Mraconia sowie das berühmte Fels-Gesicht des Decebalus zu erkennen. Mit einer Höhe von 55 Meter handelt es sich bei Letzterem um die grösste Felsskulptur in Europa. Nach einer letzten Nacht in Serbien überqueren wir am nächsten Tag den Staudamm zwischen Kladovo und Drobeta. Der Grenzübertritt nach Rumänien erfolgt speditiv und problemlos.



Umweg ins Schlammassel

Bei Drobeta entscheiden wir uns, die Donau für einige Tage zu verlassen und nicht entlang der Bulgarischen Grenze, sondern am Fusse der Karpaten weiter ostwärts zu fahren. Einerseits bietet diese Tiefebene wenig Abwechslung, andrerseits sind dort Temperaturen bis zu 42 Grad angesagt. Das wollen wir uns und unserem «MuK» nicht zumuten. Die ersten zwei rumänischen Nächte verbringen wir in der Nähe von Pitesti am Lacul Budeasa. Unser Platz befindet sich unter Bäumen und gerade mal drei Meter vom Seeufer entfernt, was bei der gegenwärtigen Hitze nicht die schlechteste Option ist. Diese Poleposition nutzen wir natürlich, um mehrmals täglich ins Wasser zu hüpfen und den See mit dem Kajak abzupaddeln.


Schlammvulkane von Berca
Schlammvulkane von Berca

Unser nächstes Ziel befindet sich rund 240 Kilometer weiter östlich bei Buzău. In der Nähe befindet sich ein für Europab einmaliges Naturschauspiel: die Schlammvulkane von Berca. Die Landschaft mit den kargen Grashügeln und den blubbernden und speienden Schlammlöchern und Kratern erinnert uns irgendwie an Neuseeland.


Schlammvulkane von Berca
Schlammvulkane von Berca

Der sogenannt kalte Vulkanismus und die spezielle Bodenbeschaffenheit machen das Naturreservat in geologischer und botanischer Hinsicht einzigartig. Für einen Besuch lohnen sich die frühen Morgenstunden. Erstens halten sich dann kaum andere Besucher und «Bildcrasher» dort auf, zweites wirken die Vulkane im flachen Sonnenlicht eindrücklicher als tagsüber, und drittens hört man vielleicht – so wie wir – sogar Wölfe heulen.


Unterwegs im Donaudelta
Unterwegs im Donaudelta

Paradies auf 5800 km2

Nach dem «Schlammassel» von Berca setzen wir sozusagen zum Endspurt in Richtung Donaudelta an. Bei Brăila stossen wir wieder auf die Donau. Schon von Weitem ist die grosse, moderne Hängebrücke zu sehen, welche der E87 in elegantem Bogen den Weg in Richtung Donaudelta ebnet. Wir fahren bis nach Murigihol, der östlichsten Stadt im Delta, die mit Strassen erschlossen ist. Weiter draussen gibt es zwar noch einige kleinere Orte. Diese sind aber nur noch auf dem Wasserweg per Schiff zu erreichen. Auf dem privaten Camping von Ovidiu richten wir unser «Basislager» für die nächsten Tage ein. Der umtriebige und sprachgewandte Rumäne ist bekannt für seine Delta-Touren, die er in einem kleinen Motorboot anbietet. Eine solche Tour wollen wir am nächsten Tag frühmorgens in Angriff nehmen.


Morgenerwachen im Donaudelta
Morgenerwachen im Donaudelta

Kurz nach 05 Uhr legen wir im kleinen Hafen ab und fahren über einen der Donauarme ostwärts. «Der St. Georg-Arm ist der südlichste der drei Hauptarme, welche ins Schwarze Meer münden – und der älteste zugleich», erklärt Ovidiu, während wir fast lautlos dem anbrechenden Morgen entgegengleiten. «Am bekanntesten ist der Sulina-Arm in der Mitte. Dieser wurde begradigt, um den Passagier- und Frachtschiffen den Zugang zum Schwarzen Meer zu erleichtern. Ganz im Norden bildet der Kilia-Arm die Grenze zur Ukraine und zu Moldawien.» Schon bald zweigt unser Boot in einen kleineren Seitenarm ab. Links und rechts säumen Kormorane, verschiedene Reiher und zahlreiche kleinere Vögel das Flussufer. Nach wenigen Minuten lichtet sich das Schilf und wir erreichen einen kleinen See. Auf einem dürren Ast sitzen mehrere Pelikane, welche im Morgenrot schon fast kitschig anmuten. Immer wieder ziehen ganze Scharen verschiedener Vogelarten im Formationsflug über uns hinweg. Wir gleiten im Schritttempo dem nächsten Flussarm entgegen. Das leise Plätschern des Bootes wird von unzähligen Vogelstimmen untermalt. Über uns zieht ein Seeadler hinweg und weiter hinten im Schilf ist eine Schar fotogener gelber Reiher zu erkennen. Mittlerweile steht die rote Sonne knapp über den unendlichen Weiten der Fluss- und Sumpflandschaft.


Donaudelta
Donaudelta

Leben im Niemandsland

Ovidiu steuert mit seinem Boot ein abgelegenes Fischercamp an. Hier, weit ab der Zivilisation, lebt seit Generation eine der letzten Fischerfamilien im Delta. Abgeschieden. Spartanisch. Authentisch. Auf dem Bootssteg begrüssen uns drei struppige und dünne Katzen. Wenige Schritte weiter treffen wir die beiden Fischer, die vor einer einfachen Holzhütte auf alten Gartenstühlen sitzen und Bier trinken. Vor ihnen liegt eine verrostete Stahlfelge auf dem Boden, in der ein kleines Feuer mottet. An der verwitterden Fassade hängen Netze und getrocknete Fische. Die blaue Farbe der Hütte und des Schopfes, die wohl für einen Kontrast zum vielen Grün gesorgt hat, ist längst abgeblättert. Die Toilette, oder besser gesagt, das «Plums-Klo», besteht aus einem gelochten Holzbrett, so wie früher bei uns auf der Alp. An der Decke hängen Spinnwaben. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Nur selten fahren die Fischer flussaufwärts aufs Festland, um Erledigungen zu tätigen. Ihre Lebensmittel und die Post erhalten sie meist von Besuchern. Ovidiu startet den Motor und unsere Tour geht weiter nach Caraorman. In diesem Ort lebten einst bis zu 2000 Menschen. Diktator Nicolae Ceaușescu liess hier eine Fabrik und einen Hafen aus dem Boden stampfen, um die quarzsandhaltige Erde für die Glasprouktion zu nutzen. Das Projekt kam jedoch nie zustande, und so ist Caraorman heute so etwas wie eine Geisterstadt. Nur noch wenige Dutzend Menschen leben an diesem «Lost Place» im Niemandsland. Viele der leerstehenden Häuser werden von Eseln bewohnt. In der Dorf-Bar hat sich eine Männerrunde zusammengefunden. Auf dem schmutzigen Holztisch vor ihnen reihen sich volle Aschenbecher, Bier- und Schnapsflaschen aneinander. «Alkohol ist ein grosses Problem», erzählt Ovidiu. «Wer es nach dem Sturz Ceaușescus verpasst oder nicht geschafft hat, hier weg zu kommen, lebt nun ein einsames Leben und verbringt den Tag meistens in dieser Bar.» Wir fahren zurück nach Murighiol und werden nach der Ankunft insgesamt 70 Kilometer zurückgelegt und gefühlt das «ganze» Donaudelta erkundet haben. In Wahrheit waren es vielleicht 10 Prozent.


Ziel erreicht - Donaumündung am Schwarzen Meer
Ziel erreicht - Donaumündung am Schwarzen Meer

Endspurt zum Null-Punkt

Unser Ziel, zum Null-Punkt der Donau beiziehungsweise an die Mündung ins Schwarze Meer zu gelangen, ist gar nicht so leicht zu erreichen, wie wir uns das vorgestellt haben. Die meisten Touristen- oder Kursschiffe am St. Georg-Arm fahren bis zur Ortschaft Sfântu Gheorghe. Von dort aus sind es nochmals einige Kilometer bis zur Mündung. Ovidiu kontaktiert einen seiner Boots-«Berufskollegen» in Tulcea und erklärt ihnen unser Donau-Projekt. So können wir am nächsten Tag mit einem offiziellen Speedboot von Murighiol nach St. Georg (Sfântu Gheorghe) fahren und als Reiseblogger dann inoffiziell noch weiter zur Mündung hinaus. Die Wellen werden immer grösser, der Wind immer stärker und das Flusswasser immer salziger. Und dann ist es soweit: Wir haben das Schwarze Meer erreicht! Hier endet unsere 3500 Kilometer lange Reise beziehungsweise der 2888 Kilometer lange Weg des Wassers von der Bregquelle im fernen Schwarzwald bis ins Schwarze Meer. Es war sehr spannend, zu beobachten, wie dieses unscheinbare Bächlein bei der Martinskapelle in Furtwangen allmählich zu einem riesigen Strom anwächst. Wie sich Landschaften, Menschen, Sprachen und Kulturen verändern. Und vielleicht auch wir selber. Wie bereits das X-Europe-Projekt wird uns auch das Donau-Projekt in ewiger Erinnerung bleiben!

Wir sagen dankeschön für die Begleitung und hoffen, dass wir mit unserem Reiseblog den einen oder anderen spannenden Ort vorstellen konnten.



 
 
 

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