# 34 Die «Mutter» aller Alpenstrassen?
- CamperFan

- 11. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Als Schweizer und insbesondere als Bündner sind wir uns steile und enge Bergstrassen gewohnt. Die «Route des Grandes Alpes» in den Französischen Alpen gilt quasi als «Mutter» aller Alpenstrassen. Das wollen wir persönlich überprüfen.

700 Kilometer, 17000 Höhenmeter und 17 Alpenpässe. Soweit die beeindruckenden Eckdaten der Route des Grandes Alpes, die von Thonon les Bains am Genfersee nach Menton an der Côte d’Azur führt. Überquert wird unter anderem der Col de l’Iseran, der mit 2764 m als höchster asphaltierter Alpenpass gilt und damit sogar das Stilfserjoch um ein paar Meter überragt. Doch hält die Route auch wirklich das, was ihr Kult verspricht?

Harziger Start
Das Zeitfenster für die Route des Grandes Alpes (RDGA) ist kurz und dauert meist nur von etwa Anfang Juni bis etwa Ende September. Wir entscheiden uns, direkt nach der Eröffnung des letzten Passes Mitte Juni loszufahren. Keine gute Idee. In Evian les Bains findet der G7-Gipfel 2026 statt. Entsprechend kompliziert gestaltet sich die Anfahrt zum Nachbarort Thonon les Bains. Nach dem dritten Polizei-Checkpoint fragt uns der freundliche und schwer bewaffnete Beamte nach einem QR-Code. Einen solchen haben wir natürlich nicht, jedenfalls nicht für den Zutritt nach Evian les Bains. Und so schickt er uns zurück auf eine grossräumig angelegte Umleitung über den Berg. Nach weiteren Checkpoints und gefühlt bereits 1000 Höhenmetern erreichen wir mit über einer Stunde Verspätung schliesslich doch noch den offiziellen Ausgangspunkt der RDGA in Thonon les Bains. Nach dem obligaten Start-Selfie geht’s los ins Ungewisse. Bereits wenige Kilometer bergwärts sticht uns die «Teufelsbrücke» ins Auge. Haben uns die Franzosen diese geklaut? Das wollen wir natürlich sogleich überprüfen. Hier gibt es jedenfalls eine ähnliche Geschichte vom Teufel, dem für seine Hilfe an den Bauarbeiten in der höllischen Schlucht ein Ziegenbock statt eines Menschen geopfert wurde. Die Frage ist jetzt natürlich, was und wer zuerst war: der Teufel, die Schweizer, die Franzosen oder der Geissbock? Die Schlucht ist deutlich enger und tiefer als die Schöllenenschlucht, aber eine Antwort finden wir auch dort unten keine. Unsere erste Nacht verbringen wir in Morzine, einem Retorten-Skiresort, in dem um diese Jahreszeit keine Menschenseele zu sehen ist. Ausser ein paar Engländer, die sich trotz geschlossenen Bergbahnen und Hotels hierher verirrt haben.

Schuders mal zehn
Am nächsten Tag nehmen wir den ersten richtigen Pass in Angriff. Auf dem Weg zum Col de la Colombière überholen wir die bereits zahlreiche «Gümmeler». Die Route des Grandes Alpes ist bei den Radrennfahrern sehr beliebt, nicht zuletzt, weil einige Pässe regelmässig Bestandteil der Tour de France sind. Aber auch bei vielen Motorradfahrern, Oldtimer-Fans oder Auto-Clubs steht die RDGA hoch im Kurs. Dementsprechend eng kann es in der Hauptsaison oder an Wochenenden und Feiertagen werden. Für grössere Wohnmobile ist die Originalstrecke der RDGA jedenfalls nicht empfehlenswert. Man tut sich selber und allen anderen keinen Gefallen. Einige Pässe sind durch Gewichtslimiten sowie Höhen-, Längen- oder Breitenbegrenzungen für viele Camper ohnehin tabu. Und das ist auch gut so: Das teilweise steil abschüssige Gelände, oft ohne Leitplanken, verbunden mit schmalen Strassen, engen Serpentinen und wenigen Kreuzungsstellen könnte beim einen oder anderen flachlandgewohnten Reisemobilisten schnell die eine oder andere Schweissperle auf die Stirn treiben. Prättigauer wissen, wovon die Rede ist: Die Strasse nach Schuders quasi ohne Leitplanken und zehnmal länger. Aber dort sind Camper ohnehin verboten.
Enttäuschendes Val d’Isère
Unsere Nacht abseits der Passhöhe auf einer Alp ist ruhig und entspannt, so dass wir am nächsten Tag voller Elan zu einer Bergtour aufbrechen können. Nach dem Col de la Colombière folgen weitere Pässe und wir steuern unseren MuK in Richtung Val d’Isère. Auf diesen bekannten Weltcup-Ort aus dem Ski-Zirkus sind wir ganz besonders gespannt. Schon von Weitem sind grosse, unförmige Hotels zu erkennen. Der erste Eindruck verbessert sich auch nicht als wir die holprige Hauptstrasse entlangfahren. Links und rechts säumen grösstenteils Retortenbauten das Strassenbild. Der Ort wirkt Mitte Juni wie ausgestorben. Die Sommersaison dauert hier – so lassen wir uns sagen – gerademal von Anfang Juli bis Ende August. Der Fokus liegt auf dem Winter. Orte wie Val d’Isère, die mehr mit Pisten als mit Ästhetik trumpfen, gibt es entlang der Route des Grandes Alpes wie Sand am Meer. Es gibt gefühlt kaum eine Gemeinde ohne Bergbahn, Ski- oder Sessellift. Erstaunlich, dass diese alle rentieren sollen?! Wir übernachten einige Kilometer nach Val d’Isère auf dem Weg zum Col de l’Iseran, dem höchsten asphaltierten Pass der Alpen. Am nächsten Morgen geht’s bei Tagesanbruch los, um in Ruhe den Pass zu überqueren – und zu geniessen. Statt rumzutrödeln, Kaffee zu trinken und Müesli zu essen, hätten wir die gleiche Strategie einige Tage später auch auf dem Col du Galibier anwenden sollen: Dort fanden wir uns in einer Flut von Radfahrern wieder, die den Tour-de-France-Hotspot trotz vieler Autos, dutzender Motorradfahrer und 33 Grad im Schatten, den es hier nicht gibt, um die Mittagszeit überqueren. Freiwillig. Aber jedem das Seine …
Abstecher zum See
In der Nähe von Briançon lassen wir uns für einige Tage auf einem Campingplatz nieder. Einerseits müssen wir einige Pendenzen und Arbeiten erledigen, andrerseits uns auch von den vielen Serpentinen erholen. Zwischendurch können wir es aber nicht lassen, die schöne Gegend, die mit den vielen Lärchen an das Engadin erinnert, mit dem Bike zu erkunden.

Briançon ist nach Davos übrigens die zweithöchste Stadt Europas. Wir nutzen die Infrastruktur, um wieder mal einzukaufen und uns für die nächsten Bergetappen zu wappnen. Nach dem Col d’Izoard und dem Col de Vars verlassen wir die Route des Grandes Alpes und fahren zum 30 Kilometer entfernten Lac de Serre-Ponçon. Eine Abkühlung kann bei den hochsommerlichen Temperaturen nicht schaden. Das türkisfarbene Wasser lädt zudem zu einer Kajaktour zu einem abgelegenen Strand ein, wo wir abermals ins Wasser hüpfen. Am nächsten Tag steht das Nadelöhr der RDGA auf dem Etappenplan: den Col de la Cayolle. Dieser ist lang und eng mit wenig Kreuzungsstellen. Zum Glück haben wir wieder die Morgenstund-hat-Gold-im-Mund-Strategie angewandt und begegnen nur wenigen Autos – und Radfahrern überhaupt keinem, auch wenn es für diese so früh deutlich angenehmer wäre. In Guillaumes erreichen wir die Talsohle, bevor es sogleich wieder bergwärts auf den Col de Valberg weitergeht. Das gleichnamige Dorf beziehungsweise Skiresort animiert zum Durchfahren: Val d’Isère reloaded. Nichtsdestotrotz genehmigen wir uns in einem der wenigen geöffneten Lokalen einen Salade de Chèvre Chaud, der uns deutlich mehr überzeugt der Ort. Wir übernachten auf einem riesigen Parkplatz der Skischule und freuen uns auf den nächsten Tag.

Es kommt, was kommen musste
Unser zweiter Abstecher von der RDGA führt uns durch die beiden Schluchten Gorge de Cians und Gorge de Daluis, verbunden mit einem Besuch von Entrevaux. Das malerische Felsendorf, eingebettet zwischen dem Fluss Var und der Citadelle auf dem Felsen, wurde im Jahr 2023 nicht umsonst zum schönsten Dorf Frankreichs gekürt. Die Fahrt durch die beiden Schluchten mit ihren roten Felsen, engen Tunnels und schwindelerregenden Tiefblicken ist atemberaubend, erfordert aber Vorsicht und Konzentration. Auch hier könnte der eine oder andere Reisemobilist mit wenig Bergerfahrung vielleicht an seine Grenzen stossen.

Kaum zu glauben, dass früher sogar eine Eisenbahn durch die Schlucht führte. Auf dem Col de Valberg, den man mit der Schluchten-Rundtour zweimal machen muss, schliesst sich unser Kreis. Es geht weiter zum Col de la Couillole. Wer glaubt, es nach der sanften Anfahrt auf die Passhöhe, geschafft zu haben, wird auf der Abfahrt nach Saint-Sauveur-sur-Tinée eines Besseren belehrt. Aus der zweispurigen Strasse wird einmal mehr eine einspurige, die sich einmal mehr zwischen Felsen und Abgrund talwärts schlängelt. Und genau hier kommt, was auf der Route des Grandes Alpes irgendwann kommen musste: Vor uns taucht ein grosses Wohnmobil auf. Die nächste Kreuzungsstelle liegt weit hinter uns. Auf dem Navigationsgerät sehen wir, dass etwas weiter unten eine Haarnadelkurve folgt. Ich steige aus und renne zum deutschen Womo-Lenker mit der Botschaft, dass es bergwärts weit und breit keine Kreuzungsstelle gibt und er doch bitte zur besagten Kurve zurücksetzen möge. Der Umstand, dass sowohl hinter ihm wie auch hinter uns Autos und Motorräder aufgeschlossen haben, macht die Situation nicht einfacher. Aber irgendwann erreichen alle besagte Kurve und das Abenteuer kann weitergehen. Vernünftigerweise entschliesst sich der deutsche Reisemobilist, seinen Vollintegrierten Frankia zu wenden und wieder talwärts zu fahren.
Endspurt ans Meer
Am nächsten Tag, oder in unserem Fall eher im nächsten Tal, steuern wir Lantosque an. Es geht wieder einmal auf einen Klettersteig. Dieser führt in einer engen Schlucht um das Dorf herum und bietet immer wieder spektakuläre Ausblicke auf die tosende Vésubie tief unter uns. Zum Abschluss gilt es, die Schlucht über eine schwindelerregende und schaukelnde Hängebrücke zu überqueren. Hässlich. Das kühle Bier in der Dorfbeiz entschädigt die Strapazen. Gegen Mittag erreichen wir den Col de Turini, wo wir ein letztes Mal auf gut 1600 Metern relativ «erfrischend» übernachten. Danach folgt der Endspurt in Richtung Côte d`Azur. Bevor wir den ersten Blick zum Mittelmeer erhaschen können, gilt es noch den letzten Pass zu überqueren. Der Col de Castillon ist mit seinen 728 Metern allerdings nur noch Formsache zur Vervollständigung der Originalroute. Schon bald erreichen wir die belebten Strassen von Menton.

An der Strandpromenade parken wir unseren MuK auf einem der letzten Längs-Parkplätze und laufen zu Fuss dem Meer entlang zum Parc Plage de Fossan. Dort befindet sich der Nullpunkt der Route des Grandes Alpes und damit das Ziel unseres Alpen-Abenteuers. Nach 17 spannenden Tagen können wir bestätigen: Die RDGA ist auch für uns die «Mutter» aller Alpenstrassen.





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