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# 35 3000 Seen und 1000 Geschichten

  • Autorenbild: CamperFan
    CamperFan
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Die Masuren im Nordosten Polens sind bekannt für ihre mehr als 3000 Seen, riesigen Wälder und schmucken Dörfer. Doch die Region hat noch viel mehr zu erzählen – von einer bewegten Geschichte, alten Traditionen und einer Vergangenheit, die bis heute überall sichtbar ist.


Masurische Seenplatte mit mehr als 3000 Seen
Masurische Seenplatte mit mehr als 3000 Seen

Schon unser erstes Ziel in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren ist eine Art Welt-Exklusivität: Auf dem Elblag-Kanal überwinden Schiffe auf ihrem Weg zwischen den Oberländischen Seen und dem Drużno-See bei Elbląg mehr als 100 Höhenmeter – und zwar nicht mittels Schleusen, sondern auf Schienen über Land. Statt 25 bis 30 Schleusen zu bauen, entwickelte der preussische Ingenieur Georg Jacob Steenke im 19. Jahrhundert ein weltweit einzigartiges System. Die Boote fahren auf spezielle Hebewagen und werden anschliessend mithilfe reiner Wasserkraft auf Schienen über insgesamt fünf Geländestufen gezogen. Was damals als Meisterleistung der Ingenieurskunst galt, ist heute ein bedeutendes Kultur- und Technikdenkmal. Güter werden längst keine mehr transportiert. Heute sind es vor allem Touristen, die sich von dieser aussergewöhnlichen Konstruktion über die Hügel ziehen lassen.


In den Masuren geht es mit dem Schiff über Land
In den Masuren geht es mit dem Schiff über Land

Man sprach Deutsch

Apropos Preussen: Dass die Masuren lange vor der Gründung des Deutschen Reichs zu Preussen und später zu Ostpreussen gehörten und hier einst viele deutschsprachige Menschen lebten, wird uns so richtig bewusst, als wir die Gegend mit dem Bike erkunden. Mitten in den riesigen Wäldern stossen wir immer wieder auf überwucherte Friedhöfe. Zwischen Moos und Farn entdecken wir Kreuze und Grabsteine mit deutschen Namen und Inschriften aus vergangenen Jahrhunderten. Ganze Dörfer sind verschwunden, andere wurden vom Wald regelrecht zurückerobert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Gebiet zu Polen. Die meisten Deutschen wurden vertrieben oder umgesiedelt. Zurück blieben Häuser, Friedhöfe und Spuren einer Bevölkerung, die hier über Generationen gelebt hatte.


In den Masuren wurde früher vielerorts deutsch gesprochen
In den Masuren wurde früher vielerorts deutsch gesprochen

Wir lassen uns einige Tage in einem solchen Dorf nieder und geniessen die Nähe zur Krutynia, die als einer der schönsten Flüsse Polens gilt. Gemächlich und sanft schlängelt sie sich in unzähligen Kurven durch Schilfufer, offene Landschaften und dichte Föhrenwälder. Fast so, als wolle sie uns daran erinnern, auf unserer langen Reise einen Gang herunterzuschalten. Das machen wir. Am nächsten Tag lassen wir uns ebenfalls treiben – und zwar mit dem Kajak. Wir geben uns ganz dem Rhythmus der Krutynia hin. Das bedächtige Plätschern des Wassers, das leise Rauschen der Bäume am Ufer und die unzähligen Flussschlaufen lassen den Alltag schnell vergessen. Es scheint, als würde uns der Fluss seine Geschichten erzählen. Uns natürlich auch heute noch auf Deutsch.


Kajaktour auf  der Krutynia
Kajaktour auf der Krutynia

Ships & Chips

Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Mikołajki, dem Herzen der Masurischen Seenplatte. Das Städtchen mit seiner schmucken Promenade und dem grossen Segelhafen gilt als Zentrum der Wassersportler und lädt zum Bummeln und Verweilen ein. Oder zu einem Zagrekonn-Spiess: Eine Kartoffel wird spiralförmig eingeschnitten, auf einen Spiess gezogen und anschliessend in heissem Öl frittiert und gesalzen. Pommes-Chips am Spiess sozusagen. Klingt simpel – schmeckt aber richtig lecker! Wer die Masuren auf eigene Faust vom Wasser aus entdecken möchte, findet in Mikołajki zahlreiche Anbieter für Hausbootferien. Am Hafen starten zudem verschiedene geführte Bootsausflüge.


Wallfahrtskirche Heilige Linde
Wallfahrtskirche Heilige Linde

Alleen, Wälder, Seen

Die Landstrassen in Polen verlaufen häufig durch dichte Baumalleen. Das sieht zwar wunderschön aus, stellt uns als Wohnmobilfahrer aber regelmässig vor eine wichtige Frage: «Baum oder Rückspiegel?» Die Strassen sind teilweise so schmal, dass zwischen unserem Wohnmobil und den Bäumen nicht gerade viel Platz bleibt. Glücklicherweise müssen wir die Frage nie endgültig beantworten – irgendwie kommen wir immer durch. Auch die vielen Alleen erzählen ein Stück polnische Geschichte. Sie gehen unter anderem auf frühere Truppenbewegungen zurück und boten Soldaten und Fahrzeugen Schutz vor der Beobachtung aus der Luft. Allee, Wald, See. Allee, Wald, See. So könnte man einen Roadtrip durch die Masuren ziemlich treffend zusammenfassen. Wäre da nicht noch die Heilige Linde. Und die ist – entgegen dem Namen – kein Baum, sondern eine imposante Wallfahrtskirche. Wie aus dem Nichts taucht sie plötzlich am Horizont auf. Ihr Name geht auf eine alte Linde mit einer Marienstatue zurück, der bereits im Mittelalter wundersame Kräfte zugeschrieben wurden. Die Kirche, die am polnischen Jakobsweg liegt, ist vor allem für ihre prächtige Orgel mit den beweglichen Figuren bekannt. Ein beeindruckendes Bauwerk mitten in einer Landschaft, die ansonsten vor allem von Wald und Wasser geprägt ist.


Die Wolfsschanze war Hitlers Hauptquartier während des Zweiten Weltkriegs
Die Wolfsschanze war Hitlers Hauptquartier während des Zweiten Weltkriegs

Dunkles Kapitel

Einige Kilometer weiter östlich, nahe der russischen Grenze, ist es allerdings wieder vorbei mit Heiligtum und Heiligkeit. Das dunkle Kapitel der Kriegsvergangenheit holt uns ein. Im Görlitzer Wald bei Rastenburg liegt die Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier während des Zweiten Weltkriegs. Auf einem Areal von rund 250 Hektaren entstanden Dutzende Gebäude, Bunker und militärische Anlagen. Die stärksten Bunker, darunter auch Hitlers Bunker, hatten fünf bis acht Meter dicke Wände und Decken aus Stahlbeton. Am 20. Juli 1944 verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der Lagebaracke des Führerhauptquartiers ein Sprengstoffattentat auf Adolf Hitler. Der Oberst im Generalstab stellte einen mit einer Bombe präparierten Koffer unter den Besprechungstisch. Vier Menschen starben. Hitler überlebte – aufgrund mehrerer Zufälle und glücklicher Umstände – leicht verletzt.

Stauffenberg wurde wenige Stunden später in Berlin hingerichtet. Heute erinnern Ausstellungen und Informationstafeln an die Geschichte dieses Ortes und an die Gräueltaten des Nationalsozialismus. Ein Besuch, der nachdenklich stimmt – gerade auch angesichts aktueller Kriegsgeschehnisse. Die Menschheit hat offenbar wenig daraus gelernt. Kurz vor Kriegsende sprengten die NS-Truppen einen Grossteil der Anlagen mit Tonnen von Sprengstoff. Die Explosionen waren gewaltig. Einzelne bis zu fünf Meter dicke Bunkerdecken sollen dabei bis zu 30 Meter weit durch die Luft geschleudert worden sein.


Die Pyramide von Rapa diente als Grabstätte
Die Pyramide von Rapa diente als Grabstätte

Pyramide von Rapa

Es dauert einige Kilometer und zahlreiche Alleen, bis wir die schwere Kost etwas verdaut haben. Ganz im Norden, noch näher an der russischen Grenze, erreichen wir schliesslich ein weiteres Denkmal der Vergangenheit. Diesmal allerdings eines ohne Kriegsgeschichte. Die Pyramide von Rapa ist das Grabmal der preussischen Adelsfamilie rund um Baron Friedrich von Fahrenheit. Sie steht auf einer kleinen Waldlichtung mitten im Nirgendwo – und genau das verleiht ihr eine ganz besondere, beinahe mystische Atmosphäre. Um die Pyramide ranken sich verschiedene Geschichten. Unter anderem soll ihre Form dazu beigetragen haben, die Verstorbenen zu konservieren beziehungsweise zu mumifizieren. Die letzte Ruhestätte der Familie Fahrenheit ist sozusagen auch unser Schlusspunkt- in Polen jedenfalls. Vor uns liegt nun die nächste Etappe unserer Reise: Estland.



 
 
 

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