top of page

# 36 Wer hat schon Estland auf dem Schirm?

Autorenbild: CamperFan
CamperFan
7. Sept.
5 Min. Lesezeit

Die zweite Etappe unserer Arctic-Tour führt uns durch das Baltikum nach Estland. Estonia ist ein Reiseland, das man wohl nicht als erstes auf dem Radar hat. Zu Unrecht, wie wir festgestellt haben.


Altes Fischerdorf auf der Käsmu-Halbinsel
Altes Fischerdorf auf der Käsmu-Halbinsel

Viele werden sich noch an den 28. September 1994 erinnern: Auf dem Weg von Tallin nach Stockholm sank die «Estonia» in der stürmischen Ostsee. Der Untergang der Riesenfähre ging mit 852 Todesopfern als schwerstes europäisches Schiffsunglück der Nachkriegszeit in die Geschichtsbücher ein. Viel mehr wussten wir vor unserem ersten Besuch vor drei Jahren nicht über dieses Land im Baltikum. Damals erkundeten wir vor allem den Westen von Estland, diesmal den Osten.


In Estland gibt es traumhafte Moorwanderungen
In Estland gibt es traumhafte Moorwanderungen

Hoffnungslose Verjüngungskur

In Litauen und Lettland waren wir ebenfalls vor drei Jahren zu Besuch, diesmal wollen wir uns voll auf Estland fokussieren. Die erste Nacht verbringen wir mitten im Wald an einem idyllischen See auf einem RMK-Platz. Solche Picknick-Plätze der Forstverwaltung mit Grillstellen, Holz, Tischen und Toilette gibt es im ganzen Land. Meist an wunderschönen Orten – und im Schlaraffenland obendrein: Nach einem kurzen Waldspaziergang sind unsere Gefässe gefüllt mit Eierschwämmen, Heidelbeeren und Preiselbeeren. Das Nachtessen und das Müesli zum Frühstück sind schon mal gerettet. Am nächsten Tag steht die erste Moorwanderung auf dem Programm. Rund 20 Prozent des Landes, das mit gut 45 000 Quadratkilometer etwas grösser ist als die Schweiz, sind Moor- und Torfgebiete. Mitten im Mennikunno Bog befindet sich ein legendärer Moorsee. Wer darin badet, soll fünf Jahre jünger aussehen. Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Der Weg dorthin führt zuerst durch lichte Föhrenwälder und dann über Holzplanken durch eine faszinierende Moorlandschaft. Nach rund einer Stunde erreichen wir den verheissenen See. Das tiefschwarze Moorwasser verbreitet zugegebenermassen nicht gerade Karibik-Feeling. Auf die angepriesene Verjüngungskur möchten wir aber doch nicht verzichten und steigen vom Holzsteg erwartungsvoll ins erstaunlich warme Wasser hinab. Zurück auf dem Holzsteg stellen wir ernüchternd fest, dass sich weitere Tauchgänge im Ayurveda-Wasser erübrigen und wir uns wohl doch nicht 20 Jahre jünger baden können. Aber schliesslich zählt hier das Erlebnis und nicht das Ergebnis.


Studenten und Altgläubige

Tartu ist nach Tallin die zweitgrösste Stadt in Estland. Wir lassen uns auf dem Hafen-Stellplatz nieder und fahren mit dem Bike ins Zentrum der Studentenstadt. Sehenswert ist hier zum Beispiel der Rathausplatz mit dem Brunnen der «küssenden Studenten», um beim Thema zu bleiben. Oder die beeindruckenden Ruinen des mittelalterlichen Doms auf dem parkähnlichen Domhügel. Aber auch die Suppenstadt mit ihren schmucken Holzhäusern ist ein Besuch wert. Das Nachtessen geniessen wir aufgrund eines Tipps von Einheimischen im stilistisch aussergewöhnlichen Restaurant «Gunpowder», einer ehemaligen Pulvermühlenfabrik. Am nächsten Tag fahren wir weiter zum riesigen Peipussee im Grenzgebiet zu Russland. An dessen Westufer liessen sich im 17. Jahrhundert zahlreiche Russen nieder, die mit den Reformen der russisch-orthodoxen Kirche nicht einverstanden waren. Ihre Bräuche und Traditionen sind hier teilweise bis heute erhalten geblieben.


Estland hat eine der grössten Bärendichten von Europa
Estland hat eine der grössten Bärendichten von Europa

Im Banne der Bären

Estland ist nicht nur bekannt für seine vielen Moore, sondern auch für eine der grössten Bären-Populationen in Bezug auf die Landfläche. Im Gebiet Alutaguse buchen wir eine Übernachtung in einer Beobachtungsstation und warten pünktlich um 15 Uhr am vereinbarten Treffpunkt, weit draussen in der Pampa, auf die Rangerin. Die Wildbiologin führt uns durch den Wald zur Station. Den Beweis, dass es hier tatsächlich Bären gibt, erbringt sie bereits unterwegs, indem sie uns auf Spuren am Boden und Kratzspuren an Bäumen hinweist. Nach einer kurzen Einweisung in die Haus- oder Hüttenordnung und die Verhaltensregeln überlässt sie uns dem Schicksal oder eben den Bären, die dann abends oder morgens irgendwann auftauchen könnten. Hinter dicken Glasscheiben warten wir gespannt der Dinge oder Tiere, die da kommen sollen. Nebst Bären leben hier auch Wölfe, Luchse, Hirsche, Elche, Rehe und diverses Haarraubwild. Es dauert nicht lange bis ein Marderhund das Dickicht verlässt und über die Wiese huscht. Am Weiherrand wartet ein Graureiher auf Beute. Als die Sonne ihre letzten Strahlen durch die Föhren schickt, tauchen am Waldrand zwei Bären auf. Unser Puls steigt. Während einer nach Futter sucht, geniesst der andere ein erfrischendes Bad im Weiher. Nach etwa 10 Minuten verschwinden sie wieder im Dickicht. Kurze Zeit später taucht eine Bärin mit drei Jungtieren auf und bald darauf ein riesiges männliches Tier. Weil männliche Bären fremden Jungtieren gefährlich werden oder diese sogar töten können, geht die Bärin sofort in die Offensive und vertreibt den Eindringling. Ihre Jungen flüchten instinktiv in die entgegengesetzte Richtung. Nach diesen spannenden Minuten müssen wir uns erstmal wieder bewusst werden, dass wir keine TV-Doku schauen, sondern live in der Wildnis sitzen. Gegen Mitternacht geht’s ab ins Bett, aber nicht, bevor wir das Schloss der Eingangstüre nochmals gründlich kontrolliert haben. Auch am nächsten Morgen sehen wir nochmals einige Bären. Um acht Uhr laufen wir mit einem etwas mulmigen Gefühl alleine zu unserem Camper zurück.


Auch wenn solche Bären-Beobachtungen aufgrund der Anlockung durch Vogelfutter nicht hundert Prozent authentisch sind, erachten wir diese Angebote unter dem Strich als positiv. Sie sind Teil eines landesweiten Bären- und Naturprojekts unter der Leitung verschiedener Wildbiologen. Beobachtungsangebote sind Bestandteil deren Finanzierung.


So nach und doch so fern - Estnische Soldaten blicken zur russischen Festung Iwangorod
So nach und doch so fern - Estnische Soldaten blicken zur russischen Festung Iwangorod

Faszinierend und bedrückend

Ganz im Nordosten des Landes besuchen wir die Festung Narva am gleichnamigen Grenzfluss zu Russland. Einen Steinwurf entfernt, am gegenüberliegenden Ufer, liegt die Russische Festung Iwangorod, wo ebenfalls Touristen zu erkennen sind. Die Soldaten winken sich gegenseitig zu. Alles ist so nah und doch so fern. Irgendwie faszinierend und bedrückend zugleich.


Geheime Stadt Sillamäe war Uran-Epizentrum
Geheime Stadt Sillamäe war Uran-Epizentrum

Bedrückend bleibt es auch 20 Kilometer weiter westlich in der verbotenen Stadt Sillamäe. Hier befand sich während des Kalten Krieges eine der grössten Urananreicherungsanlagen der Sowjetunion. Die Wissenschafter, die im streng geheimen Atomprogramm beschäftigt waren, lebten sozusagen im Goldenen Käfig. Mit prunkvoller Architektur versuchte man ihnen das Leben in der Stadt so angenehm wie möglich zu gestalten. Zentraler Punkt ist die Hauptpromenade, die vom Ufer der Ostsee ins Zentrum führt und im stalinistischen Neoklassizismus erbaut wurde. Sillamäe war in keiner Landkarte eingetragen und existierte nach aussen eigentlich gar nicht. Einige Gebiete im Westen der Stadt sollen bis heute verstrahlt sein und werden regelmässig überwacht.


Zu Fuss durchs Meer auf die Insel Kuradi
Zu Fuss durchs Meer auf die Insel Kuradi

Zu Fuss durchs Meer

Wir fahren der Küste entlang weiter in Richtung Tallin. Unterwegs besuchen wir verschiedene Wasserfälle, die zwar schön sind, aus Schweizer Optik aber als relativ «übersichtlich» bezeichnet werden können. Mehr beeindruckt haben uns die drei Halbinseln Käsmu, Pärispea und Juminda mit ihren alten Fischerdörfern. Zu unserem Erstaunen haben sich in der Vergangenheit offenbar auch die estnischen Fischer der Technik von «Walserzäunen» bedient. Am Nordende von Käsmu kann man zu Fuss rund einen Kilometer durchs Meer auf die Nachbarsinsel Kuradi waten. Beeindruckend sind zudem das Schiffwrack Raketa sowie die zweite Moor-Wanderung im Viru-Bog.


Der Jägala-Wasserfall im Norden Estlands
Der Jägala-Wasserfall im Norden Estlands

Danach erreichen wir schon bald die Hauptstadt Tallin. Diese kennen wir bereits von unserem ersten Besuch. Wir parken direkt am weitläufigen, verfallenen Beton-Komplex im Hafengelände. Dieser gigantische «Lost Place» ist ein sozialistischer Zeitzeuge der Olympischen Spiele von 1980 in Moskau. In Tallin fand ein Teil der Wassersportdisziplinen statt. Die Stadt selber beeindruckt nicht nur durch ein pulsierendes Leben, viele Läden, Cafes und Restaurants, sondern auch durch eine spannende Kombination historischerer Gebäude, Kulturdenkmäler und einer modernen, westlich ausgerichteter Architektur. Am nächsten Vormittag legt unsere Fähre nach Helsinki ab.



 
 
 

Kommentare


bottom of page