# 37 Das "echte" Nordkapp

Im letzten Teil unserer Arctic-Tour erreichen wir die Polarregion. Hier scheinen sich die Uhren langsamer zu drehen und an den Rhythmus der weiten Steppen Lapplands anzupassen.

Die Fährüberfahrt von Tallin (Estland) nach Helsinki (Finnland) ist ruhig und kostet mit unserem Last-Minute-Schnäppchen gerade mal 107 Euro, inklusive Camper. Eine gute «Vorlage» auf die hohen Dieselpreise, die uns auf der anderen Seite der Ostsee erwarten werden. Helsinki ist eine moderne, lebendige Stadt. Das widerspiegelt sich bereits beim Besuch der ersten Sehenswürdigkeit: die Temppeliaukion Kirkko – eine Kirche, die vollständig in den Felsen gehauen ist und in Kombination mit einer riesigen Kupferkuppel für eine einmalige Ambiente und Akustik sorgt. Nicht weniger ästhetisch ist die Zentralbibliothek Oodi mit ihrer einmalig geschwungenen Holzfassade und dem gesellschaftlich ausgerichteten Raumprogramm. Aber auch historische Orte, wie die Festungsinsel Soumenlinna, die Markthalle oder der Dom zu Helsinki sind einen Besuch wert.

Wieder unter Strom
Unser Fokus liegt allerdings nicht auf Städten, sondern auf den unendlichen Weiten Skandinaviens. Wobei Finnland im geografischen Sinne eigentlich gar nicht zu Skandinavien zählt. Dennoch erinnert uns die Landschaft mit ihren riesigen Wäldern und den unzähligen Seen stark an Südschweden. Bevor wir in Richtung des Bottnischen Meerbusens aufbrechen, suchen wir einen Wohnmobilhändler, der den Elektroblock unseres Campers austauschen kann. Der Verteilkasten der 12-Volt-Versorgung hatte in Polen seinen Geist aufgegeben und musste an eine Campingadresse in Helsinki nachbestellt werden. Zwischenzeitlich half uns ein Basteltrick im «MacGyver-Stil», die 12-Volt-Versorgung trotzdem behelfsmässig aufrecht zu halten. Der grösste Händler des Landes, den wir als erstes anfahren, ist für Wochen ausgebucht und verweist uns auf eine Andresse nördlich der Stadt. Die Strassen dorthin werden immer schmaler und schliesslich führt ein Schotterweg durch ein kleines Waldstück zur angegebenen Adresse. «Sie haben ihr Ziel erreicht», vermeldet die freundliche Frauenstimme im Navi. Etwas ungläubig blicken wir auf eine Scheune, vor der sich viel Schrott türmt und diverse Autos und Wohnmobile stehen. Bertu, der vom Wohnmobilhändler in Helsinki bereits telefonisch informiert wurde, erwartet uns schon und lotst uns über eine Rampe in die Scheune hinein. Das Vertrauen in unseren Elektro-Retter wird nach einem Blick auf das Ordnungssystem seiner Werkstatt nicht unbedingt grösser. Aber Bertu weiss, wo der Hammer hängt und seine Schlüssel liegen und vor allem auch, was zu tun ist: Ruckzuck ist der Elektroblock ausgebaut und der Neue wieder eingebaut. Ein kurzer Check zeigt, dass unser «MuK» wieder unter Strom ist und die Fahrt in Richtung Arctis weitergehen kann.

Aus Meer wächst Land
Den Yteri-Beach in der Nähe von Pori gilt mit seinen Dimensionen und Sanddünen als schönster Strand des Landes. Wir haben ihn rein zufällig entdeckt und lassen uns dort sogleich einige Tage zum Biken und Wandern nieder. Danach geht es dem Bottnischen Meeresbusen entlang nordwärts in Richtung Vaasa.

Kurz davor machen wir einen kleinen Abstecher zum Söderfjärden-Krater. Vor 522 Millionen Jahren hat hier ein Meteorit eingeschlagen und einen rund 6,5 Kilometer grossen Krater hinterlassen. Auf der rund 2300 Hektar grossen Fläche wird heute Ackerbau betrieben. Aus der Luft wirkt diese Region inmitten der weiten Moore und Föhrenwälder fast wie eine Fata Morgana. Nördlich von Vaasa befindet sich der Kvarken-Archipel. Eine sehr spannende Gegend: Das Unesco-Weltnaturerbe besteht aus rund 5600 kleinen Inseln. Durch eine nacheiszeitlich bedingte Landhebung kommen immer neue Inseln hinzu, so dass die Landfläche hier jedes Jahr um rund 100 Hektaren anwächst. Auch hier gibt es verschiedene Wander- und Bikemöglichkeiten.

Stille Nacht, heilige Nacht
In Rovaniemi überqueren wir den Polarkreis. Dieser führt mitten durch das weltbekannte Weihnachtsdorf. Bislang haben wir die Heimat des Weihnachtsmannes immer links liegen gelassen. Bei unserem dritten Besuch hier im hohen Norden wollen wir uns dem befürchteten Disney-Rummel aber nicht mehr entziehen und stürzen uns ins Getümmel. Lebkuchen-Häuser, geschmückte Christbäume, Samichläuse auf Rentier-Schlitten und dutzende Souvenirläden bestätigen unsere Befürchtung. Im tiefverschneiten, arktischen Winter mag das Klischee-Dorf authentischer wirken als mitten im August. Aber selbst dann würden wir uns nicht in eine lange Warteschlange stellen, um mit dem Original-Weihnachtmann für 30 Euro ein Selfie zu machen. Einen Dienst lassen wir uns aber dennoch nicht entgehen: Im Postbüro des Weihnachtsmannes verschicken wir unseren Angehörigen eine Ansichtskarte mit Samichlaus-Poststempel, die dann pünktlich vor Weihnachten ausgeliefert wird. Im Whatsapp-Zeitalter irgendwie eine süsse Idee.

200 000 Rentiere
Apropos Rentier: Auf dem weiteren Weg in Richtung Norden sind Rentiere allgegenwärtig. Auf den Wiesen, in den Wäldern oder auf der Strasse. Bremsbereitschaft! Deren Bestand wird alleine im Finnischen Lappland auf rund 200 000 Tiere geschätzt. In der Polarregion sind es weit über eine halbe Million Tiere. Teilweise gehören sie einer Rentierhaltungs-Gemeinschaft und teilweise handelt es sich um wilde Tiere. Eine genau Zuordnung ist schwierig, da sich die Rentiere in Lappland frei bewegen und nur teilweise gekennzeichnet sind. Elche gibt es ebenfalls, aber diese entsprechen wohl eher dem Naturell unseres heimischen Rotwilds und können meistens nur frühmorgens oder spätabends bei Dämmerung beobachtet werden.

Kurz vor der Norwegischen Grenze, ganz im Norden Finnlands, besuchen wir die Kirchhütten von Utsjoki. Mitten im Nirgendwo befindet sich eine Kirche mit verschiedenen alten, kleinen Hütten. Diese wurden in früheren Zeiten von den Sami genutzt, die teilweise eine talgelange Anreise beziehungsweise «Anwanderung» in Kauf nahmen, um an den Gottesdiensten teilzunehmen. Man traf sich hier aber auch zur Pflege der sozialen Kontakte, zum Austausch von Informationen oder zum Warenhandel.

Das «echte» Nordkap?
Mit jedem Kilometer, den wir weiter nordwärts fahren, werden die Bäume kleiner und die Steppen grösser. Die letzten Birken und Föhren weichen allmählich Sträuchern und Büschen. Und riesigen Heidelbeerflächen. Die Blaubeeren oder eben Heidelbeeren begleiten uns schon seit Estland, und wir nutzen immer wieder die Möglichkeit, das Morgen-Müesli mit frischen Bio-Beeren zu bereichern. Im hohen Norden gehört für uns das Lagerfeuer wie auch das Sammeln von Beeren und Pilzen irgendwie zum Vanlife-Feeling mit dazu.

Die Distanzen sind in Skandinavien ebenfalls gewaltig. Die helvetische Optik vom Piz Bernina zum Matterhorn muss um ein paar Zoomstufen nach oben korrigiert werden. Das merken wir auch auf unserem letzten Abschnitt: Nach unzähligen Kilometern durch die Pampa – im positiven Sinne – erreichen wir Ifjord. Ein paar Fischerhütten, eine Bar und eine Tankstelle. Mehr nicht. Nach weiteren 125 Kilometern durch Niemandsland mit unendlichen Steppen, Geröllfeldern und unzähligen Seen und Rentieren taucht am nördlichen Eismeer die Ortschaft Gamvik auf. Vor der dunkelblauen Barentsee wirken die Häuser und Hütten wie bunte Farbtupfer auf einem riesigen Kunstgemälde. Hier, am Ende der Welt, leben jahraus jahrein gut 200 Menschen – im Winter bei Sturm und Kälte mehrere Monate in der Dunkelheit. Kaum vorstellbar!

Weitere fünf Kilometer nördlich thront der Leuchtturm Slettnes Fyr auf einer Klippe. Viele erachten ihn beziehungsweise die Nordkinn-Halbinsel als nördlichsten Punkt des Europäischen Festlandes und damit als «echtes» Nordkap. Das allseits bekannte Nordkap mit der eisernen Weltkugel liegt nämlich auf der Insel Magerøya, die durch einen Strassentunnel mit dem Festland verbunden ist. Wie dem auch sei. Auf unseren Reisen haben wir schon alle echten oder falschen südlichsten und nördlichsten Punkte Europas besucht und erfreuen uns schlicht und einfach über die atemberaubende Landschaft und das Privileg, gesund zu sein und die verborgensten Ecken unseres Kontinents entdecken zu dürfen. Dafür sind wir unendlich dankbar.






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